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Nigeria 2012- das „reiche und arme Land in Zentralafrika“
Mit „ÄRZTE OHNE GRENZEN “ im humanitären Einsatz

 Bericht über meinen 2. humanitären Einsatz als Unfallchirurg und Orthopäde
mit „ÄRZTE OHNE GRENZEN“ in Nigeria vom 12.08.2012- 05.09.2012

 Das westafrikanische Land Nigeria gilt als der bevölkerungsreichste Staat Afri­kas mit über 500 verschiedenen Stäm­men und mehr als 250 verschiedenen Sprachen. Die durchschnittliche Lebens­erwartung beträgt 47,2 Jahre. Seit 11 Jah­ren wird das Land durch eine demokra­tisch gewählte Zivilregierung geführt. Nigeria verfügt über riesi­ge Öl- und Gasvorkommen im christlich geprägten Süden des Landes und bestrei­tet als OPEC-Mitglied 67% seiner Staats­einnahmen durch den Öl- und Gasexport.
Der Erdölreichtum kommt primär ausländischen Konzernen zugute. Der beispiellose Raubbau an Mensch und Natur im Nigerdelta führt zu gewaltfreier und gewalttätiger Oppo­sition. Die Präsenz von Ge­walt in einem Nicht-Kriegsgebiet waren 2005 die initiale Motivation für Ärzte oh­ne Grenzen („Médecins Sans Frontières“, MSF) ein Trauma Zentrum zu etablieren.

Neben der alltäglichen Gewalt ist v. a. der Verkehr für einen großen Teil der sich vorstellenden Patienten verantwortlich.

  „Teme Hospital“

„Teme Hospital“ war zunächst ausgelegt für die notfallmäßige, u. U. lebensretten­de Chirurgie in der Trauma Versorgung. In der Stadt Port Har­court gibt es ein Lehrkrankenhaus, das über die notwendige Ausstattung für or­thopädische Chirurgie verfügt. Eine Be­handlung ist aber kostenpflichtig und da­mit für die meisten Menschen außerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten.

 Ein wei­teres Hindernis war der von staatlicher Seite eingeforderte Polizeibericht, sollte es sich um die Behandlung von Schussver­letzungen

handeln. Eine Forderung, der viele Patienten in einer von unübersicht­lichen Konflikten durchdrungenen Stadt nicht nachkommen konnten oder wollten.

Das „Teme Hospital“ füllte mit seiner kostenfreien und neutralen Behand­lung schnell eine Versorgungslücke. Im Schnitt werden aktuell 970 Patienten im Monat (Daten Januar 2012 – Juli 2012) ambulant und stationär behandelt.  Davon waren 40 % Gewaltopfer (Schussverletzungen 16 %, Messer 13%, Schläge 1 % und sonstige). Und 60 % Verkehrs- und sonstige Unfälle. Die Gesamtletalität betrug im Schnitt 0,41%. Die durchschnittliche stationäre Verweildauer lag im ersten Halbjahr 2012 bei 10,25 Tagen. Im Schnitt wurden täglich 12 Patienten stationär aufgenommen. Das Krankenhaus verfügt über 80 „traumatologische Betten“. Die Infektionsrate war mit 3,4% tolerabel. Röntgenbilder wurden im Schnitt 3600-mal im Monat angefertigt. 

Diese Daten entsprechen einem größeren Krankenhaus der „Ersten Welt“. Dieses Krankenhaus wird von MSF geführt und mit Spendengeldern finanziert. Ca. 250 Personen sind in diesem Projekt angestellt. Seit 2005 waren über 100 Chirurgen und ca. 80 Anästhesisten aus der ganzen Welt im Projekt tätig. Die Chirurgen waren und sind im Schnitt 3-4 Wochen vor Ort, selten länger.

 

 

Mein Einsatz für Nigeria begann mit einer E-Mail von ÄRZTE OHNE GRENZEN Berlin:
MSF bot mir einen Einsatz im Süden Nigerias, in einem „Trauma Zentrum“ an. Dieses Projekt sei bei Unfallchirurgen „sehr beliebt“.

Es folgten viele Telefonate, E-Mails und der Arbeitsvertrag mit MSF Berlin.
Schließlich folgte am 12.08.12. die Fahrt nach Paris zum 1. Briefing mit den Koordinatoren in Paris. Die Projekte in Nigeria werden von Paris aus geleitet.  
Am 13.8. ging es dann mit dem Flug von Paris über  London und anschließend mit dem Nachtflug am 13.8. in die Nigerianische Hauptstadt Abuja. Ich kam ziemlich gerädert um 05.00 in Abuja, der Hauptstadt Nigerias, an. Nach endlos langem Warten in der Schlange am Zoll war tatsächlich der Fahrer da. Der Fahrer hatte dann mich und eine amerikanische junge Chirurgin zur MSF Unterkunft in Abuja gefahren. Welche Straßenverhältnisse! Wahnsinn. Im Dunkeln ohne Licht, Fußgänger mitten auf der 4 spurigen Straße laufend, auf unserer Straßenseite entgegenkommende Fahrräder ohne Licht. Mitten auf der Straße stehengebliebene Wracks ohne Beleuchtung, dauerndes Humpen. Am Mittag hatte ich dann in Abuja mein nächstes und intensiveres Briefing erhalten. Sicherheitslage, Informationen über Nigeria, Politik. Infos über das Krankenhaus und Probleme im Krankenhaus.  MSF Paris hatte entschieden, das Projekt hier in naher Zukunft zu beenden. Die Sicherheitslage habe sich sehr verbessert. Es kämen immer mehr Verkehrsunfälle und weniger Verletzte nach Kämpfen. 2005 wurde dieses Krankenhaus gemietet, als es sehr heftige Kämpfe mit sehr vielen Toten und Verletzten gab. Die Regierung Nigerias wurde somit aktuell informiert und angehalten, die anfallenden zivilen Unfallopfer, in Eigenregie zu versorgen. Es wird von MSF vermutet, dass es in der Übergangszeit zu Schwierigkeiten kommen kann.

Mit einer alten Boeing 727 dann nach Port Hacourt ins Einsatzgebiet geflogen und nach 50 min mitten im Busch gelandet.

Das Krankenhaus war wie erwartet. Es funktionierte. Mit 80 Pat. belegt. Mit einer Ambulanz, mehreren Stationen , OP.


Erste kurze Visite. Ich bekam Angst. Die bevorstehenden Aufgaben beeindruckten mich mächtig. Viele offene und geschlossene Unterschenkel und Oberschenkelfrakturen. Beckenfrakturen, Oberarm – und Unterarmfrakturen, chronische Knochenentzündungen, viele 2-3° offene Frakturen nach Schussverletzungen. Bauchverletzungen nach Unfall und / oder Schuss – oder Stichverletzungen. Jeden Tag kamen ca. 12 neue Patienten dazu. Diese Probleme soll ich lösen? Ein erfahrener Indischer orthopedic surgeon war da. Er ging 2 Tage später wieder nach Hause. Er trug eine Unterarmbandage aufgrund eines Überlastungsschadens seiner Hand. Dies hätte mich warnen sollen…. Es war drückend schwül, häufig Regen. Fühlte mich ziemlich schlecht. Die Nächte waren heiß und sehr schwül. Klimaanlage gab es nicht. Die Deckenventilatoren summten und quietschten. Wir waren ein internationales Team von 12-14 Ärzten, Krankenschwestern, Physiotherapeuten, Pharmakologen, Koordinatoren. Franzosen, einer weiteren Deutschen Anästhesistin, Amerikaner, Brasilianer, Inder, Marokkaner…
Es folgten regelmäßige Visiten mit Vorstellung der neuen Pat. Ich verstand kaum etwas, sehr laute Umgebung, das nigerianische Englisch war sehr schlecht zu verstehen. Hatte Probleme mit den Abkürzungen auf den Schildern der Patienten.   Die OP Schwestern waren freundlich und meistens kompetent. „Mamma“ war die Beste. Der Name war Programm. Sie war die Chefin im OP. Typ. afrikanische Mamma.

Zum Teil erst morgens erst um 03.00 h nach Hause gekommen oder auch nachts um 02.00 h ins Krankenhaus fahren müssen. Häufige Schießerei, zum Teil auch direkt neben der Unterkunft und vor dem Krankenhaus. Viele Schwerverletzte. Das AK 47 Kalaschnikow Schnellfeuergewehr macht große Ausschusslöcher. Mit dem französischen Allgemeinchirurgen zusammen mehrere Bauchschuss Verletzungen operiert. Der Allgemeinchirurg hatte dann mir mit der Versorgung der Schussverletzungen des Extremitäten, des Beckens, der Hüften geholfen. Wir waren ein gutes Team im OP. Wir unterstützen uns gegenseitig. Für jeden von uns waren das nicht alltägliche Herausforderungen unter besonderen Bedingungen. Wer von uns westlichen Chirurgen hatte bereits viel Erfahrung mit dieser Art von Chirurgie? Während einer OP um 1.00 h nachts kam der nigerianische Arzt der Ambulanz und sagte, er könne keine Thorax Drainage bei einem neuen Schussverletzten legen. Als ich unten ankam um 02.30 h war die Drainage drin, aber nicht angenäht.- sie war nach der ersten Bewegung des nicht intubierten Pat. wieder draußen, inzwischen 2 Liter Blut aus der Drainage gekommen. Blutdruck noch stabil. Wir haben uns dann entschieden nicht zu operieren. Das Team stand seit morgens im OP. War ausgelaugt. Wir können nicht nachbeatmen, haben kaum Instrumentarium zur Thorax Eröffnung und gingen davon aus, dass wir den Pat. auf dem Tisch verlieren werden. Meine Hände taten weh. Konnte keine Faust mehr machen. Sehnenscheidenentzündung. Fingerkuppen schliefen ein. Sehr anstrengende OP`s gehabt. Musste heftig zupacken um die Oberschenkelfrakturen offen reponiert zu bekommen um dann den Nagel einzuschlagen. Hat nicht immer gut geklappt. Ich hatte geflucht und geschimpft. Die Verwendung des Rö- Gerätes im OP war nicht vorgesehen, aber möglich. Die Durchführung der Durchleuchtung im OP war somit von weiteren technischen Schwierigkeiten begleitet. Einmalig hatte ich heftig Durchfall gehabt. Nach Ciprobay als „Wundermittel“ sofort besser. Die Tage „verflogen “. Ein Tag fast wie der Andere, den ganzen Tag im OP. Meine amerikanische Kollegin war 2 Tage krank, so blieb alles an mir alleine hängen. Weiterhin schwere körperliche Arbeit. Reposition von geschlossenen und offenen Frakturen. Es fiel mir schwer etwas zu essen. Ich hatte heftig abgenommen. Gürtel passte nicht mehr. Das kühle Bier am Abend war eine willkommene „Belohnung“ für diese Arbeit. Das nigerianische Bier „Star“ war gut.

Es waren 3 sehr harte Woche gewesen. Ich hatte zunehmend Probleme mich zu konzentrieren. Meine Gedanken waren bei meiner Familie. Mein 82 jähriger Vater macht mir Sorgen. Mein Medical Manager hat mich zum Schluss nach 3,5 Wochen früher „aus dem Verkehr gezogen“. Er meinte, ich müsse Pause machen. Und immer wieder Schüsse ganz nah.
Jede Nacht von Sonntag auf Montag neue Schussverletzte.   Montags morgens 01.00 / 02.00 h raus in den OP. Jeden Tag Kriegschirurgie.

Das Wetter ist fast immer grau, jeden Tag Regen, alles düster…. Man sollte nicht depressiv sein hier.

Ich freute mich immer mehr auf zuhause. Der Einsatz führte mich körperlich an meine Grenzen. Es war sehr heiß, schwül. Regenzeit. Tgl. 10-14 h Arbeit, zum Teil lange Fahrt von der Unterkunft ins Krankenhaus und zurück. Absolut wahnsinniger Straßenverkehr. Keine Straßen, die diesen Namen verdienen. Keine Freizeit. Keinen „Ausgang“.
Diese Umstände wurden durch das tolle Team, die befriedigende Arbeit und das Lachen der Kinder auf Station, das freundliche Wesen der nigerianischen Patienten und der gespürten Dankbarkeit der Patienten bei Weitem wettgemacht („god bless you“). Ähnliches habe ich auch schon bei meinem ersten Einsatz vor 2 Jahren in Haiti erlebt.

Völlig unbekannte Menschen arbeiten in Extremsituationen als Team zusammen. Viele Mitarbeiter beschreiben, genauso wie ich, den Einsatz im Nachhinein als einen persönlichen und beruflichen Entwicklungssprung und die Arbeit als ungemein vielfältig. Extreme Arbeitssituationen und Lebensbedingungen fordern heraus und verbinden - mit dem Team und mit den Menschen im Einsatzland. Die Arbeitssituationen sind oft komplex und sehr fremd, so dass Flexibilität und Kreativität gefragt sind.

Nicht selten muss man sich darauf einstellen, dass eine labile Sicherheitslage die persönliche Bewegungsfreiheit einschränkt und die Geduld auf eine harte Probe gestellt wird. 

Ich kam sehr müde, aber sehr zufrieden zurück nach Hause und werde gerne in vielleicht 2-3 Jahren erneut für ÄRZTE OHNE GRENZEN in den humanitären Einsatz gehen.

Die Organisation ÄRZTE OHNE GRENZEN macht seit 40 Jahren nichts Anderes als Einsätze dieser Art und hat die entsprechenden organisatorischen, logistischen und finanziellen Erfahrungen derartige Projekte durchführen zu können.

ÄRZTE OHNE GRENZEN hilft Menschen in Not, Opfern von natürlich verursachten oder von Menschen geschaffenen Katastrophen sowie von bewaffneten Konflikten, ohne Diskriminierung und ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, religiösen oder politischen Überzeugung. Dafür bekam die Organisation den Friedensnobelpreis.

 Ich verweise dabei auf die Homepage: http://www.aerzte-ohne-grenzen.de

Praxis Dr. Lux
luxdr@gmx.de

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